Spandau im 13. Jahrhundert

Von der slawischen Burgsiedlung zur deutschen Kaufmannsstadt

 

Ulrich Busse

Stand: April 2006

 

0. Vorbemerkungen

Der nachfolgende Beitrag möchte die topografische, politisch-wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklung der Stadt Spandau im 13. Jahrhundert näher beleuchten. Während die slawische Zeit, begünstigt durch die umfänglichen Ausgrabungen auf dem Burgwall, und insbesondere die nachmittelalterliche Zeit als kurfürstliche und später preussische Festungsstadt in der einschlägigen Literatur ausführlich beschrieben werden, wird das 13. Jahrhundert meist nur umrissen, in Einzelaspekten (wenn die Archäologie wieder etwas ergraben hat) oder auf der Grundlage der wenigen erhaltenen Urkunden behandelt (Ausnahme: Biller, vgl. Literaturverzeichnis).

Dabei ist gerade das 13. Jahrhundert für die Entwicklung der Stadt Spandau von wesentlicher Bedeutung. Während dieses Zeitraums entstanden die topografischen und politisch-wirtschaftlichen Strukturen, die das Stadtleben über Jahrhunderte prägten.

 

1. Stadtentwicklung

Die Ursprünge der Stadt Spandau liegen etwa einen Kilometer südlich der heutigen Altstadt auf dem sogenannten Burgwall. Das Gebiet um die Mündung der Spree in die Havel hatte im frühen Mittelalter noch eine andere geologische Struktur, als wir sie heute dort vorfinden. Die Spree mündete deltaförmig in die Havel, in der Havel selbst fanden sich Talsandinseln, die den Fluß in mehrere Arme aufspalteten. Auf einer dieser Inseln südlich des Mündungsdeltas – dem Burgwall, der zugleich einen Havelübergang bildete – war bereits im 7. Jahrhundert eine Ansiedlung des slawischen Stamms der Heveller entstanden, die zu dieser Zeit das Havelland beherrschten. Im frühen 8. Jahrhundert wurde die unbefestigte Siedlung zu einer Burganlage ausgebaut. Seit dem späten 10. Jahrhundert bis zur Mitte des 12. Jahrhunderts erlebten Burg und Siedlung – begünstigt durch ihre Lage an dem alten Handelsweg zwischen Magdeburg und der Oder – eine Blütezeit, die ihr Ende fand, als das Havelland 1157 endgültig in den Machtbereich Albrechts des Bären fiel ( Geschichte der Mark Brandenburg).

Die Lage des alten Handelsweges - südlich der Spree in Richtung des (noch) slawischen Köpenick führend - entsprach nicht mehr den Interessen der Askanier. Diese beabsichtigten vielmehr, die Entwicklung der jungen Kaufmannssiedlungen Berlin und Cölln zu fördern und veranlassten die Verlagerung des Fernstraßenzuges nach Norden über die eingangs genannten Talsandinseln nördlich des Mündungdeltas der Spree. Auf diesen Talsandinseln befanden sich zu jener Zeit im Bereich des heutigen Behnitz und der heutigen Zitadelle slawische Siedlungen.

Ende des 12. Jahrhunderts waren die Gebiete der heutigen Altstadt und des Behnitz noch durch einen Havelarm getrennt (heute trennt sie die Straße ‚Am Juliusturm’). Gegenüber der slawischen Siedlung, die im 13. Jahrhundert Bens hieß, gründeten Kaufleute die erste deutsche Ansiedlung zwischen Havelstraße und Kirchgasse. In einer von Markgraf Otto II. ausgestellten Urkunde vom 28. Mai 1197 wird ein askanischer Vogt von Spandow ("... Everadus advocatus in Spandowe ...") erstmals erwähnt. Zu jener Zeit entstand auch der erste Bau der Nikolaikirche, geweiht dem Hl. Nikolaus von Myra, Schutzpatron der Kaufleute und Fischer.

(Abb. 1 – Spandau um 1200)

A = slaw. Siedlung, B = Bens, C = Nikolaikirche, D = Spreemündung, E = Havel

rot schraffiert = Siedlungsbereiche

 

(Abb. 2 - Nikolaikirche)

Im gleichen Zeitraum wird in der slawischen Siedlung eine Befestigung ("Motte") als Sitz des markgräflichen Vogtes errichtet. Unter dem Schutz des Vogtes entwickelt sich die Siedlung schnell, ihre Bevölkerung und der Reichtum der Kaufleute wachsen, so dass der erste Siedlungbereich bis 1230 nach einem Schadenfeuer, dem die Siedlung zum Opfer gefallen war, aufgegeben und weiter südlich eine echte "Gründungsstadt" mit rechteckiger Blockstruktur, Markt und Befestigung errichtet wird. Die neue Stadt entstand im südlichen Teil der Altstadtinsel.

Ausgrabungen der älteren Stadtbefestigung, die in das mittlere 13. Jahrhundert datiert wird und aus Palisaden bzw. Holz-Erde besteht, zeigen die Lage des neuen Stadtgebiets. Es wird im Süden durch die Mauerstraße, im Osten durch die Fischerstraße, im Norden durch den Zug Kammer-, Mönch- und Ritterstraße sowie im Westen durch die Jüdenstraße begrenzt. Damit blieb nicht nur das erste Siedlungsareal um die Havelstraße, sondern bemerkenswerterweise auch die Kirche St. Nikolai (zunächst) außerhalb der neuen Stadtgrenzen.

(Abb. 3 – Spandau um 1230)

A = slaw. Siedlung, B = Bens, C = Nikolaikirche, D = Gründungsstadt

rot schraffiert = Siedlungsbereiche

 

(Abb. 4 – Spandau, Fischerstraße)

Die Blockstruktur innerhalb der Befestigungen zeigte eine typische Gründungsstadt des 13. Jahrhunderts, die sich durch eine rationale, gewöhnlich rechteckige Grundform auszeichnete, ergänzt durch eine klare Parzellierung und Blockbildung. Diese Struktur findet sich in Spandau sowohl an der Stadtbefestigung als auch in den Straßenverläufen wieder. Abweichungen hiervon sind allein auf die natürlichen Geländeverhältnisse zurückzuführen, nämlich auf den geschwungenen Havellauf im Südosten und eine ebenso geschwungen verlaufende Senke im Westen des Stadtgebiets, die sich für die Anlage der Befestigung hervorragend eignete.

Zur Mitte des 13. Jahrhunderts erweiterten die Spandauer ihr Stadtgebiet nach Nordosten hin. Dieser Erweiterung ging eine Änderung des Laufs der Havel im Bereich des Behnitz voraus. Mit der Urkunde vom 7. März 1232, durch die dem Ort Spandau förmlich die Stadtrechte verliehen wurden, gestatteten die Markgrafen Johann I. und Otto III. den Spandauern zugleich, eine sog. Flutrinne zu bauen:

"(...) ... thun wir allen Zeitgenossen und Nachkommen kund, daß wir, Johann und Otto, Markgrafen zu Brandenburg, ... dieser Stadt Spandau und den dermaligen Einwohnern ... die Erlaubnis gegeben haben, auf ihre eigenen Kosten einen Kanal, der auf Deutsch eine Flutrinne heißt, zu bauen, welchen sie für eigene Kosten in Zukunft auch erhalten sollen. Ferner machen wir alle Einwohner von Spandau durch diesen unseren Brief für immer frei und ledig von dem auf eben jenem Flusse zu erhebenden Zolle. Außerdem bestimmen wir, daß obengenannte unsere Bürger durch alle unsere Lande zollfrei sein sollen, ... Sodann überlassen wir ihnen den Zoll, den wir in der ganzen Stadt Spandau auf dem Markte, ausgenommen im Kaufhause, gehabt haben, daß sie ihn zum Nutzen ihrer Stadt Spandau verwenden, wie es ihnen gut scheint. (...)"

Im Zusammenhang mit dem Bau dieser Flutrinne, deren Durchstich durch den Behnitz in Höhe der heutigen Schleuse erfolgte, wurde der eingangs beschriebene entlang der Havelstraße verlaufende Havelarm durch die Errichtung eines Damms aufgestaut. Der darauf enstandene Weg hieß noch bis 1938 ‚Damm’ (heute Möllentordamm) und bildete der Anfang der Fernstraße in den Barnim. Der gestaute Havelarm wurde bis auf einen schmalen Wasserlauf sukzessive zugeschüttet und totgelegt. Damit wurde der nach dem Durchstich der Flutrinne verbliebene westliche Teil des Behnitz mit dem Gebiet der Stadt Spandau faktisch vereinigt. Mit der Urkunde vom 29. Juli 1240 vereinigten die Markgrafen den bis dahin unter der Verwaltung des markgräflichen Vogtes stehenden Behnitz auch rechtlich mit Spandau:

"(...) ... legen der Stadt den Bens zu (...), ihn zu nutzen und zu brauchen. (...)"

Mit derselben Urkunde erließen die Markgrafen den

"... Bürgern und Einwohnern in Spandau auf acht Jahre alle Auflagen, Dienste, Wasser- und Landzoll im ganzen Lande ... (...)."

Diese Abgabenbefreiungen versetzten die Spandauer in die Lage, die durch die oben beschriebenen Baumaßnahmen entstandenen wirtschaftlichen Belastungen leichter zu schultern.

(Abb. 5 – Spandau um 1250)

A = slaw. Siedlung, B = Bens, C = Nikolaikirche, D = Flutrenne, E = Kloster St. Marien, F = Stresow

rot schraffiert = Siedlungsbereiche

Möglicherweise als Gegenleistung bauten die Spandauer den Landesherren in Höhe des Eingangs der Flutrinne eine Mühle, die 1258 erstmals erwähnt wird. Durch die Wasserstauung am Damm bekam die Havel an der Flutrinne einen höheren Fließdruck und begünstigte insoweit den Betrieb einer Mühle an dieser Stelle. Aber auch am Damm selbst wird der Bau einer – hier städtischen – Mühle vermutet, da die Stauung natürlich auch hier den Wasserdruck erhöht hatte. Darauf weist u.a. das dort errichtete ‚Mühlentor’ hin, eine Bezeichnung, die sich noch in dem heutigen Straßennamen Möllentordamm wiederfindet. Das Wasser der städtischen Mühle konnte durch den totgelegten Havelarm abfließen. Die Vereinigung des Behnitz mit Spandau erlaubte es den Bürgern, für ihre prosperierende Stadt neuen Siedlungsraum zu erschließen.

Die Größe der Grundstücke in dem neuen Stadtteil westlich der Klosterstraße (heute Carl-Schurz-Straße) lässt darauf schließen, dass sich hier vorwiegend wohlhabende Bürger niedergelassen haben. Dies gilt auch für das zeitgleich wiederbesiedelte Gebiet der ersten Siedlung an der Breiten Straße. Es hat den Anschein, dass die beiden Hauptstraßen im Bereich der Stadterweiterung das Patrizierviertel Spandaus geworden sind, die (noch heute vorhandene) Ritterstraße lässt den Schluss zu, dass hier sogar auch Angehörige des Adels gelebt haben könnten.

Mit dieser letzten Stadterweiterung fand die territoriale Entwicklung Spandaus im Mittelalter im Wesentlichen Ihren Abschluss. Die Markgrafen fokussierten ihre Förderpolitik nunmehr auf die Doppelstadt Berlin/Cölln ( Die Doppelstadt Berlin-Cölln im 13. Jahrhundert), was sich äußerst hemmend auf die weitere – insbesondere wirtschaftliche - Entwicklung der Stadt an der Havel auswirkte. Spandau verlor im weiteren Verlauf des Mittelalters als Handelsstadt zusehends an Bedeutung.

 

2. Spandau heute

Spandau ist seit 1920 ein rechtlich unselbständiger Verwaltungsbezirk der Stadt Berlin. Die Burgwall-Insel ist in dem bebauten Areal am Westufer der Havel aufgegangen. An den Havelarm, der die Insel einst an ihrem Westufer umgab, erinnert nur noch ein schmaler Wassergraben (Burgwallgraben), an die Insel selbst die Straße ‚Spandauer Burgwall’, die über das Gebiet der früheren Insel zur Havel führt.

(Abb. 6 – Burgwallgraben Südblick)

Die Spandauer Altstadt hat ihre bis Ende des 13. Jahrhunderts erhaltene Topografie bis Ende der 50er Jahre des 20. Jahrhunderts nahezu unverändert beibehalten. Erst 1963 wurde der Altstädter Ring fertiggestellt, der den in der Aufbauphase der Nachkriegszeit stetig gewachsenen Verkehr künftig westlich an der Altstadt vom (neuen) Rathaus bis zum zeitgleich neu gebauten Falkenseer Platz (am Möllentordamm) vorbeiführen sollte. Der Bau der Straße ‚Am Juliusturm’ vom Falkenseer Platz in Richtung Zitadelle und Charlottenburg trennte den 600 Jahre lang mit dem Altstadtgebiet vereinten Behnitz wieder von dieser ab. In den 1970er Jahren wurde die Altstadt schließlich in weiten Teilen zur Fußgängerzone zurückgebaut und ist heute wieder ein beschauliches und sehenswertes Kleinod, das den Betrachter zeitweilig vergessen lässt, dass er sich auf dem Territorium einer 4-Millionen-Stadt aufhält ...

 

Schlussbemerkung

Dieser Beitrag wird in unregelmäßiger Folge ergänzt werden durch die Abschnitte

 

Bildverzeichnis:

Alle Fotografien und Zeichnungen vom Verfasser

Literaturverzeichnis:

  1. Thomas Biller, Die Entstehung der Stadt Spandau im hohen Mittelalter, Verlag Richard Seitz & Co., Berlin 1980
  2. Otto Kuntzemüller, Urkundliche Geschichte der Stadt und Festung Spandau, arani-Verlag GmbH, Berlin 1989 (Unveränderter Nachdruck der zweibändigen Originalausgabe des Dreger Verlages, Berlin 1928/1929)
  3. Adriaan von Müller, Wo lag Alt-Spandau ? – Bericht über die Ergebnisse der archäologisch-historischen Forschung, Kreis der Freunde und Förderer des Heimatmuseums Spandau e.V.
  4. Bürger Bauer Edelmann – Berlin im Mittelalter, Staatliche Museen Preußischer Kulturbesitz, Berlin 1987

 

 

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